Beschaffung und Absatzstrukturen
Beschaffung
Die internationalen Beschaffungsmärkte standen im Verlauf des Jahres 2009 unter dem Eindruck der
weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise. Je nach Region und Wirtschaftsgut waren deren Konsequenzen
allerdings unterschiedlich ausgeprägt. So brach die Rohstahlproduktion in Europa Anfang des
Jahres massiv ein und zeigte erst zu Beginn des dritten Quartals beginnende Erholungstendenzen.
Hingegen verzeichnete China seit Jahresende 2008 wieder eine steigende Erzeugung und stellte in
der Jahresmitte mit über 50 Mio. t Rohstahl pro Monat sogar einen neuen Rekord auf. Diese Divergenz
hatte beträchtlichen Einfluss auf die globalen Rohstoffmärkte.
Preisentwicklung ausgewählter Rohstoffe und Energieträger
Starke Preiskorrekturen bei Eisenerzkontrakten
Die in den ersten drei Monaten 2009 abgewickelten Preisverhandlungen zwischen Eisenerzproduzenten
und den weltweit führenden Stahlerzeugern standen ganz im Zeichen der äußerst schwierigen
konjunkturellen Rahmenbedingungen. Aus diesem Grunde waren Ermäßigungen für Feinerz,
Stückerz sowie Pellets erzielbar, die je nach Sorte 30 bis 50 % betrugen. Damit wurden – trotz des
deutlichen Preisrückgangs – im historischen Vergleich noch immer die zweithöchsten Eisenerzpreise
kontrahiert. Verhandlungen der chinesischen Hüttenindustrie, die höhere Preisabschläge forderte, mit
den drei großen Produzenten Vale, BHP Billiton und Rio Tinto führten allem Anschein nach nicht zu
anderen Ergebnissen. Die in der zweiten Jahreshälfte 2009 weltweit angezogene Rohstahlproduktion
sowie der stark anwachsende Importbedarf Chinas haben den Erzmarkt inzwischen spürbar belebt
und lassen für das Lieferjahr 2010 Preissteigerungen erwarten.
Vorübergehende Entspannung auf dem Kokskohlemarkt
Als Benchmark der Kokskohlepreise dienen die zwischen den australischen Anbietern und der japanischen
Stahlindustrie vereinbarten Vertragspreise für das japanische Fiskaljahr. Der starke Nachfrageeinbruch
nach Kokskohle zu Beginn des Jahres hatte Preisabschläge von etwa 57 % bei qualitativ
hochwertigen Sorten zur Folge. Asiatische Abnehmer, insbesondere chinesische Hüttenwerke, nutzten
das attraktive Preisniveau, um sich auf dem Spotmarkt mit erheblichen Mengen einzudecken. Dies
führte in der zweiten Jahreshälfte zu stark steigenden Spotmarktpreisen und einer eingeschränkten
Verfügbarkeit. Da 2010 nicht mit einer Nachfrageabkühlung zu rechnen ist, muss von deutlichen Preiserhöhungen
ausgegangen werden.
Seefrachtraten weiterhin volatil
Nach dem drastischen Einbruch des Seefrachtenmarktes Ende 2008 erholten sich die Frachtraten im
ersten Halbjahr 2009 zügig. Als treibende Kraft zeigte sich hier besonders China aufgrund des verstärkten
Eisenerz- und Kokskohleimports. Mitte Juni 2009 lag die Referenzrate Tubarão – Rotterdam
bei knapp 30 USD/t. In der zweiten Jahreshälfte waren stark schwankende Frachtkosten zu beobachten:
Während sie im Sommer merklich zurückgingen, zogen die Raten gegen Jahresende wieder an.
Wegen neuer Schiffskapazitäten, die ab 2010 verstärkt in den Markt drängen werden, ist zukünftig mit
einem eher schwächeren Niveau zu rechnen.
Preise für Metalle und Ferro-Legierungen schwanken
Die Marktentwicklung verschiedener Metalle und Ferro-Legierungen stellte sich über den Jahresverlauf
2009 sehr unterschiedlich dar: Nachdem die Preise für Legierungen im ersten Halbjahr nachgaben,
zeigten sie zur Jahresmitte einen Aufschwung, der bereits ab September wieder nachließ.
Börsennotierte Stoffe wie Zink, Nickel, Aluminium und Kupfer wurden vom weltweiten Abwärtssog
der Finanzmärkte voll erfasst und erreichten im Februar ihren Tiefpunkt. Mit Beginn des zweiten
Quartals zeigten sich die Notierungen sehr volatil und zogen in der zweiten Jahreshälfte um bis zu
110 % an.
Preisentwicklung der flüssigen Reduktionsmittel zeigt sich uneinheitlich
Die Preise für flüssige Reduktionsmittel (schweres Heizöl sowie Ersatzreduktionsmittel), die in den
Hochöfen zum Einsatz kommen, stellten sich 2009 sehr unterschiedlich dar. Im ersten Vierteljahr wurden
extrem niedrige Notierungen verzeichnet, die sich zuletzt Anfang 2005 auf einem vergleichbaren
Niveau bewegt hatten. Während des zweiten Quartals drehte sich der Markt – vorrangig spekulationsgetrieben
– und die Heizölpreise verdoppelten sich im Laufe der folgenden Monate. Der Trend
steigender Preise setzte sich bis zum Jahreswechsel fort.
Stahlschrottpreise von zyklischen Schwankungen geprägt
Die extrem schwache Nachfrage nach Stahlschrott ließ dessen Preise in Deutschland über die ersten
Monate des Geschäftsjahres 2009 erneut deutlich fallen. Je nach Sorte und Region verminderten sie
sich im Vergleich zum Dezember 2008 um bis zu 75 €/t. Die zweite Jahreshälfte war von einer volatilen
Entwicklung geprägt: Während der Schrottpreis ab Juli bis in den September hinein aufgrund einer
höheren Nachfrage von Betonstahlherstellern im In- und Ausland zulegte, führte das Wegbrechen der
Exporte in den Monaten Oktober und November zu einer gegenläufigen Bewegung. Der Dezember-
Preisanstieg resultierte hauptsächlich aus der Aufstockung der niedrigen Vorratsbestände europäischer
Stahlwerke.
Stromkosten nochmals gestiegen
Die Strombeschaffung des Konzerns regelt sich durch die Eckpunkte Vollversorgung, strukturierte
Beschaffung und Eigenerzeugung. Der durchschnittliche Strompreis für den Werksverbund Salzgitter
Flachstahl GmbH/Peiner Träger GmbH (SZFG/PTG) (Energie zuzüglich Abgaben aufgrund des
Erneuerbare-Energien-Gesetzes [EEG] und des Kraft-Wärme-Kopplungsgesetzes [KWKG] sowie Netznutzung)
stieg gegenüber dem Jahresdurchschnitt 2008 um 21,6 %. Dabei entwickelten sich die einzelnen
Bestandteile des Strompreises sehr unterschiedlich: Der reine Energiepreis legte um 14,9 %
zu, und die effektive Belastung durch EEG-Abgaben erhöhte sich um rund 57 %. Während die KWKG-Abgaben
unverändert blieben, verteuerten sich die Netznutzungskosten um 24,9 %. Im Vergleich zum
abgelaufenen Jahr wird der Strompreis 2010 voraussichtlich erneut zunehmen.
Erdgas erneut teurer
Der Durchschnittspreis des bezogenen Erdgases für den Werksverbund SZFG/PTG kletterte zum Vorjahr
um 5,5 %. Der Erdgaspreis ist mittels Preisgleitklausel an das Heizöl gebunden; Anpassungen
erfolgen allerdings mit einem Zeitversatz von einem halben Jahr. Aufgrund dieses Umstands wirkten
sich die hohen Ölpreise vom Sommer 2008 noch bis ins Jahr 2009 negativ aus. Umgekehrt wird die
2009er Ölpreisbaisse 2010 zu einem niedrigeren Erdgaspreis führen. Auf der Grundlage der zu einem
günstigen Preis gesicherten Basismenge ist daher im Jahr 2010 mit einer Senkung der Erdgaskosten im
niedrigen einstelligen Prozentbereich zu rechnen.
Materialeinkauf
Hilfs- und Betriebsstoffe auf unterschiedlichem Preisniveau
Lag über die ersten drei Monate 2009 wegen der guten Auslastung der Lieferanten noch ein stabiles
Preisniveau für Hilfs-, Betriebsstoffe und Reserveteile vor, so konnten vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen
Krise ab dem zweiten Quartal 2009 auf breiter Front Preissenkungen und Sonderrabatte
vereinbart werden. Im Zusammenhang mit den Berichten über eine Stabilisierung der wirtschaftlichen
Situation Deutschlands wurden in der zweiten Jahreshälfte 2009 wieder vermehrt Forderungen nach
Preiserhöhungen aufgestellt. Angesichts der unsicheren Erwartungen für das Jahr 2010 werden sowohl
von der Produzenten- als auch Nachfrageseite eher kurzfristige Preisbindungen eingegangen.
Vormaterial – Halbzeugbezug und -preis stark gesunken
Nicht alle Gesellschaften des Salzgitter-Konzerns verfügen über eine eigene Metallurgie, sodass sie auf
den Zukauf von stranggegossenem Stahlvormaterial, auch als Halbzeug bezeichnet, angewiesen sind.
Die Konzern-Rohstahlproduktion ist zudem so konfiguriert, dass die Walzwerke bei hoher Auslastung
mehr Stahl benötigen, als die metallurgischen Betriebe erzeugen können. Dies ist auch eine bewusste
Maßnahme zur Risikominimierung im Hinblick auf einen Produktionsstillstand der Metallurgie in
Zeiten der Unterauslastung von Teilbereichen der Walzstahlerzeugung. Auch der Unternehmensbereich
Technologie bezieht die für seine Produkte erforderlichen Gussteile und Edelstahlbleche extern.
Der über weite Teile des Geschäftsjahres dramatisch zurückgegangene Bedarf an Stahlprodukten
betraf auch den Brammenmarkt; Nachfrage und Preise brachen extrem ein. Die Situation erreichte
zur Jahresmitte ihren vorläufigen Tiefpunkt mit Niedrigstpreisen in den Regionen Schwarzes Meer
und Ostasien. Ab der zweiten Jahreshälfte zeigte sich ein leichter Aufwärtstrend, der sich in China
bis zum Jahresende fortsetzte, in anderen Regionen der Welt aber im vierten Quartal wieder deutlich
an Fahrt verlor.
Der allgemeinen Stahlmarktsituation trugen wir durch einen massiv reduzierten externen Stahleinkauf
Rechnung, auch um damit die Auslastung der metallurgischen Betriebe des Salzgitter-Konzerns
möglichst hoch zu halten. So wurden für die Gesellschaften des Stahlbereiches insgesamt nur 92 Tt
Vormaterial bezogen. Damit verringerte sich der Brammenzukauf des Unternehmensbereiches Stahl
im Geschäftsjahr 2009 gegenüber 2008 um fast 90 %.
Für die Gesellschaften des Unternehmensbereiches Röhren ist die Hüttenwerke Krupp Mannesmann
GmbH (HKM) in Duisburg unverändert der maßgebliche Vormaterialhersteller. 2009 lieferte sie 707 Tt
Brammen zur Herstellung von Grobblechen sowie Warmbreitband für die Produktion geschweißter
Rohre. Aufgrund des Konjunktureinbruchs wurde der externe Zukauf – mit dem Fokus auf die konzerneigenen
Kapazitäten – auf 147 Tt zurückgefahren und die konzerneigenen Bestände abgebaut.
Das Beschaffungsvolumen des Unternehmensbereiches Technologie verringerte sich infolge der
Marktlage ebenfalls. Zu Beginn des Geschäftsjahres etablierte die größte Tochtergesellschaft KHS AG
ein Kostenreduzierungsprogramm im Einkauf, das unter Berücksichtigung des Umsatzrückgangs zu
wesentlich besseren Bezugskonditionen und einer Senkung der Einkaufskosten führte.
Obwohl zahlreiche Lieferanten in ihren Betrieben Kurzarbeit einführten, kam es zu keinen essenziellen
Problemen bei der Qualität und Pünktlichkeit von Lieferungen.
Im ersten Halbjahr 2009 fielen die Preise der für unseren Maschinen- und Anlagenbau erforderlichen
Edelstahlmaterialien auf ein sehr niedriges Niveau. Ab dem Frühjahr verzeichneten sie allerdings
wieder einen leichten Aufwärtstrend. Aufgrund der niedrigen Auslastung der Produktionsstandorte
und der damit einhergehenden Verringerung der zu beschaffenen Losgrößen sowie eines gezielten
Abbaus der Lagerbestände sank das Beschaffungsvolumen der Technologiegesellschaften im Laufe
des Jahres erheblich.
Absatzstrukturen
Die Unternehmen des Salzgitter-Konzerns unterhalten vielfältige unterschiedliche Lieferbeziehungen
zu ihren Kunden im In- und Ausland, die sich an deren Geschäftscharakteristiken und individuellen
Bedürfnissen orientieren. Folgende Formen werden unterschieden:
Mehrjahres-, Jahres- und Halbjahresverträge
Die Salzgitter Flachstahl GmbH (SZFG) liefert den überwiegenden Teil ihres Absatzes über Jahres- oder
Halbjahresverträge, bei denen die Absatzpreise und -mengen in turnusmäßigen Verhandlungen fixiert
werden. Typische Kundengruppen für diese Art Lieferbeziehung sind die Automobilindustrie, deren
Zulieferer, spezialisierte Kaltbandhersteller und Stahlservicecenter. Die Ilsenburger Grobblech GmbH
(ILG) liefert weniger als die Hälfte ihrer Produktion über langfristige Verträge an Werften, Windturmhersteller
und Anlagenbauer. Die Peiner Träger GmbH (PTG) setzt nur eine sehr kleine Menge auf
diesem Wege ab. Im Röhrenbereich sind die Präzisrohrgesellschaften mit der Mehrheit der Lieferungen
über langfristige Vereinbarungen an die Automobilindustrie und deren Zulieferer gebunden.
Quartalsverträge
Der Großteil der Liefermengen des Unternehmensbereiches Stahl wird über Quartalsverträge an die
Kunden abgesetzt. Die Basispreise und Aufschläge für Güten wie auch Abmessungen werden in der
Regel quartalsweise von den jeweiligen Walzstahlherstellern annonciert, mit den Kunden verhandelt
und mithilfe entsprechender Auftragsbuchungen realisiert. Typische Abnehmergruppen sind Stahlhändler
und -servicecenter. Der Salzgitter-Konzern produziert Fertigmaterial fast ausschließlich auftragsgebunden.
Der Anteil der Quartalsverträge an den Gesamtlieferungen des Stahlbereiches ist in
den vergangenen Jahren im Wesentlichen konstant geblieben.
Spotmarktgeschäfte
Ein Spotmarkt ist ein Markt, auf dem einzelne Geschäfte, bestehend aus Lieferung, Abnahme und
Bezahlung einer definierten Produktmenge, unmittelbar abgewickelt werden. Der Unternehmensbereich
Handel organisiert den größten Teil seines Absatzes über derartige kurzfristige Liefervereinbarungen,
wobei die Beziehungen zu den wichtigsten Kunden im In- und Ausland im Regelfall
durchaus über viele Jahre gepflegt werden. Typische Abnehmerbranchen sind mittlere und kleinere
herstellerunabhängige Stahlhändler, Stahlbauunternehmen sowie Maschinen- und Anlagenbauer.
Projektlieferungen
Der Röhrenbereich versorgt seine Kunden vorwiegend über Projektverträge. Neben internationalen
Pipelineprojekten werden auch die Lieferungen für Kraftwerksneubauten und Chemieanlagen auf
diese Weise kontrahiert. Gleiches gilt für die Produkte des Stahlbereiches – allen voran Spundwand- und
Trapezprofile, die in großen Tief- und Hochbauvorhaben zum Einsatz kommen. Der Salzgitter-
Handel akquiriert und beliefert Auslandsprojekte als Mittler zwischen den Stahl- und Röhrenherstellern
des Konzerns oder fremden Produzenten und den Endabnehmern. Absatzmengen und Preise werden
in der Regel über die Gesamtlaufzeit der jeweiligen Projekte verhandelt und fixiert. Die Produkte des
Unternehmensbereiches Technologie werden ausschließlich auf Kundenwunsch individuell oder in
Kleinserien gefertigt, was ebenfalls unter Projektlieferungen zu subsumieren ist.
Grundsätzlich veröffentlicht der Salzgitter-Konzern keine Einzelheiten der Vertragsgestaltung wie
Preise, sonstige Konditionen und Laufzeiten. Die öffentlich verfügbaren Spotmarktpreisinformationen
können für viele Stahl- und Röhrenprodukte zur Orientierung herangezogen werden, gelten aber nur
für absolute Standardprodukte. Diese stellen allerdings nur einen sehr kleinen Teil unseres Lieferprogramms
dar.
Wegen des sehr ausgewogenen und vielfältigen Mix an Kundenbeziehungen, die sich im Geschäftsjahr
2009 nicht wesentlich verändert haben, kann der Salzgitter-Konzern zum einen kurzfristige
Marktchancen wahrnehmen, verfügt aber zum anderen auch in einigen Bereichen über eine größere
Visibilität in Bezug auf Auftragsreichweiten. Die Kunden gehören sehr unterschiedlichen Branchen
an, deren Konjunkturzyklen sich phasenverschoben und teilweise sogar gegenläufig entwickeln. Insgesamt
betrachtet stellen die dargestellten Absatzstrukturen somit eine wesentliche Grundlage der
Profitabilität und Stabilität des Salzgitter-Konzerns dar.