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6 SALZGITTER INSIDE
„Restrukturierung und Zukun s-
orientierung gehen Hand in Hand“
STIL im Gespräch mit Prof. Dr.-Ing. Heinz Jörg Fuhrmann, Vorstandsvorsitzender der Salzgitter AG
STIL: Das Jahr 2016 wurde als „das Schicksalsjahr der europäischen Stahlindustrie“ angekündigt. Das klingt dramatisch. Wie beschreiben Sie die Situati- on der Branche jetzt zur Jahreswende?
Prof. Dr.-Ing. Heinz Jörg Fuhrmann: Ob 2016 das Schicksalsjahr der europäischen Stahlindustrie war, darüber werden später die Wirtscha shis- toriker zu be nden haben. In unserer Branche leben wir seit jeher mit extrem zyklischen Ge- schä sverläufen. Gleichwohl war es ein außer- gewöhnlich herausforderndes Jahr, denn zu den immer noch schwierigen Rahmenbedingungen innerhalb Europas kam ab Herbst 2015 der Tsu- nami an Dumping-Importen aus China hinzu. Dessen Folge waren ruinöse Preisniveaus von Flachstahl- und insbesondere Grobblechproduk- ten im europäischen Markt, die alle inländischen Hersteller massiv belasteten: Trotz einer durchaus zufriedenstellenden Nachfrage wurden tiefrote Zahlen geschrieben. Das gab es in dieser Kombi- nation noch nicht so häu g! Daher baute sich ein enormer Handlungsdruck auf, unsere im Kern selbst global absolut wettbewerbsfähige und für die Wertschöpfungsketten unverzichtbare Industrie mit EU-weit rund 330.000 Arbeitsplätzen vor einer existenzbedrohenden Schädigung durch unfairen Wettbewerb zu bewahren.
STIL: Was hat die Branche dagegensetzen können? Prof. Fuhrmann: Wir haben sämtliche zur Verfü- gung stehenden Mittel mobilisiert, Gespräche auf allen Ebenen der Politik geführt und uns intensiv um einen engen Schulterschluss von Unterneh- mensleitungen, Arbeitnehmervertretungen und Gewerkscha en bemüht. Die Stahlaktionstage im April 2016 begannen für uns mit einer beeindru- ckenden Großkundgebung auf dem Werksgelände in Salzgitter. Die Fortsetzung folgte am 9. Novem- ber in Brüssel. Nur so konnte unseren berechtig- ten Forderungen genügend Nachdruck verliehen werden. Die EU hat reagiert und unseren Anträ- gen auf Erö nung von Anti-Dumping-Verfahren stattgegeben. Diese zeigen mittlerweile Wirkung, auch wenn die verhängten Anti-Dumping-Zölle im internationalen Vergleich niedrig ausgefallen sind. Es kann nun aber keinesfalls Entwarnung gegeben werden: Wir müssen beobachten, ob China versucht, die Zölle zu unterlaufen oder zu umgehen. Mindestens ebenso relevant ist, dass vermehrt andere Akteure wie die Ukraine, Indien, Taiwan und Südkorea auf den Plan getreten sind. Eine Klarstellung ist mir in diesem Zusammen- hang sehr wichtig: Wir stellen uns dem interna- tionalen Wettbewerb ohne Wenn und Aber, nur
müssen dabei gleiche und faire Spielregeln für alle gelten! Derart extreme Wettbewerbsverzerrungen wie in den vergangenen zwölf Monaten kann kein Unternehmen auf Dauer überleben.
STIL: Wie kann sich die EU kün ig vor unfairen Handelspraktiken schützen?
Prof. Fuhrmann: Die EU-Kommission hat Anfang November einen Vorschlag vorgelegt, um auch
in Zukun  e ektiven Handelsschutz gegenüber China, aber auch gegenüber anderen Ländern mit nicht marktwirtscha lichen Strukturen zu gewähr- leisten. Dieser Vorschlag enthält neue Methoden zur Berechnung des Dumpings. Ob, wann und in welcher Form sich die EU-Mitgliedstaaten und das EU-Parlament auf diesen Vorschlag einigen kön- nen, ist aktuell noch nicht abzusehen. Es ist jedoch schon im Grundsatz sehr positiv zu bewerten, dass die EU-Kommission diese Richtung eingeschlagen hat. Auch in die seit Jahren stockende Moderni- sierung der handelspolitischen Schutzinstrumente scheint Bewegung zu kommen.
STIL: Sie haben in den vergangenen Jahren viel Zeit in die Kommunikation mit Politikern in Berlin und Brüssel investiert, um die Position der Salzgitter AG zu politischen  emen zu verdeut- lichen. Sind Sie zufrieden mit den inzwischen ge- fällten Entscheidungen?
Prof. Fuhrmann: Es kann keinen Zweifel geben – der intensive Dialog mit der Politik ist absolut erforderlich, auch wenn ich dafür eindeutig mehr Zeit aufzuwenden habe, als mir lieb ist. Ohne diese Kommunikation wäre der Schaden wahrschein- lich noch größer! So bleiben beispielsweise die bestehenden Hüttengaskra werke der deutschen Stahlindustrie und deren Eigenstromerzeugung bis auf Weiteres von der EEG-Umlage befreit.
Ein Ergebnis, das uns beileibe nicht in den Schoß gefallen ist!
Dennoch wird die deutsche Stahlindustrie in 2017 einen hohen zweistelligen Millionenbetrag für die EEG-Umlage zu zahlen haben, und auch wir als Salzgitter AG sind davon nicht ausgenom- men! Ein Ende des Anstiegs dieser Zusatzkosten, die der Wettbewerb außerhalb Deutschlands so nicht zu tragen hat, ist derzeit nicht absehbar. Hier fängt die Ungleichheit schon in Europa an!
Gemäß der ab 2021 geplanten nochmaligen Verschärfung des EU-Emissionshandels würden der Stahlindustrie durchschnittlich fast 40 % der CO2-Zerti kate fehlen, denn mit den etablierten Stahlherstellungsprozessen sind solche Emissions- ziele allen Anstrengungen zum Trotz nicht er-


































































































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